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  • Just a liiittle bit proud

    Just a liiittle bit proud

    Stills from my show at HARDBOILED at Normal Bar

    Theresa Baumgartner- “Dear Officer Betty” (2014, Mixed Media)

    Zu sehen ist eine Archivierung von Beweismitteln, die in Zusammenhang mit der Verhaftung des Schießbude- Kollektivs von 27. 04. 2014 stehen.

    Zu sehen sind:

    (1) Angela Merkel- Zielscheibe (urspr. als Partyaccessoire, zum Mitnehmen und selber Zusammenbasteln)

    (2) Akkuschrauberkoffer mit Überresten des Polizeisiegels

    (3) Durchschläge der Beschlagnahmungsprotokolle

    (4) Videodokumentation des Tatorts

    (5) Tatortzeichnung

    Hintergrund:

    Die Schießbude als Kollektiv und Veranstaltungsreihe ist bzw. war ein Teil Berliner Freifeierkultur, das in ihrer Laufbahn unzählige Parties in verlassenen Fabrikgebäuden und anderen ungenutzten Orten veranstaltet hat. Der Name „schießbude“ fußt auf der Behauptung, dass es nichts intelligenteres gibt als berauschten Leuten Schusswaffen in die Hände zu legen.

    Die Episode:

    An jenem 27. 04. 2014 wird die geplante Party noch beim Aufbau von einem diesmal großzügigen Aufgebot an Beamten gesprengt. Auf die 10 Leute, die wir sind, kommen zwei große Wannen inklusive Spürhunden und noch einige kleinere Einsatzwägen. Was wir im Laufe des folgenden Intermezzos erfahren, ist, dass der Bezirk Tempelhof eine Woche zuvor den Beschluss erlassen hatte, künftig bei jener Art von Festivitäten ein bedeutend härteres Durchgreifen an den Tag zu legen. Pech für uns.

    Als Befehlshabende outen sich die zwei Herren in Zivil. Einer davon ein eher Autoritärer Zeitgenosse, nennen wir ihn Bert, der andere hingegen, ein so großer Menschenfreund, dass man durchaus versucht ist Stockholm Syndrom - Tendenzen zu entwickeln. Im Dialog der beiden Beamten kommt heraus, dass der zweite Herr den Spitznamen „Betty“ trägt.

    Er war ja so nett. Und er ist ja eigentlich gar nicht so. Und eigentlich würde er ja viel lieber echte Verbrecher jagen anstatt sich mit ein paar lustigen Teenies abzumühen. Aber man tut nun mal seine Pflicht, man steckt nun mal in der Uniform und da muss man schließlich seinen persönlichen Wertekatalog gegen einen diktierten eintauschen.

    Wo kämen wir denn da hin, wenn die Zahnräder anfangen würden ihre Handlungen zu reflektieren? Wenn die Exekutive auf einmal Eigenverantwortung hätte und darüber nachdenken müsste, was Recht ist und was Gerechtigkeit? Man stelle sich vor, wenn man seinen eigenen Kopf benutzen würde, und nicht nur Arme und Beine wäre, wäre man ja demnach auch als Einzelperson angreifbar, wenn man Passanten verprügelt oder wenn man mit Bananen und Handschellen umher wedelt Richtung Nachbardach einer Schule in der Ohlauer straße. Nur so als Beispiele.

    Zugegeben, diese wahnwitzige Vorstellung beißt sich mit der Definition von Exekutive. Die Arme und der Magen, ich weiß, ich weiß. Doch wenn meine Extremitäten auf einmal anfangen zu zittern, sich schlecht Verhalten, mit Bananen wedeln obwohl ich das gar nicht will, sagt mir das denn dann nicht, dass mit meinem ganzen System etwas nicht in Ordnung ist? Der Körper, wenn man sich weiter an Agrippas Parabel anlehnen möchte, hört auf zu funktionieren, wenn ihm der Geist falsche Befehle erteilt, wird krank wenn er Belastungen nicht mehr aushält, entwickelt Eigenverantwortung sobald es nötig ist.

    Lassen wir diesen Gedanken so stehen und begeben uns wieder zurück zum Tatort, wo wir frischgebackenen Kleinkriminellen uns immer noch mit dem Einsatzkommando herumschlagen (im übertragenen Sinne) und mittlerweile damit beschäftigt sind, dass konfiszierte Bier in den Polizeiwagen zu verlagern. Selbstverständlich fallen Kommentare von uns zur nächsten Betriebsfeier und selbstverständlich hält sich der Zuspruch der beamten zu dieser Art Galgenhumor in Grenzen. Man kann nicht alles haben.

    Die Personalien werden aufgenommen, die Laptops der DJ´s werden beschlagnahmt, was definitiv einen gewichtigen Anteil an dieser mittelschweren Party-Katastrophe hat, und das Bier, wie gesagt. Abgeführt zum Verhör werden die DJ´s und mein Mitbewohner, der per Rotationsprinzip dieses mal an der Reihe ist sich als Verantwortlicher zu outen.

    Ich frage Betty, ob ich denn meine Privatsachen mitnehmen dürfe. Er willigt ein, wir gehen in die Halle und ich identifiziere meinen Rucksack und meinen Akkuschrauber als mein Privateigentum. Der Rucksack wird anstandslos hingenommen, beim Akkuschrauber wird der Beamte Betty stutzig. “Das ist doch nicht Ihrer, oder?” Ich bestätige den Besitz. Kunststudentin und so. “Was macht denn eine junge Frau wie Sie mit einem Akkuschrauber auf einer Party? Also meine Frau hat so etwas nicht.”

    Darauf folgende Nachforschungen im Internet enttarnen mich als Event-

    Initiatorin und am Ende vom Lied werde ich ebenfalls abgeführt und mein Akkuschrauber wird beschlagnahmt.

    Zugegeben, es war mein Fehler, meine analoge Identität nicht sorgfältiger von meiner digitalen abzugrenzen, vor allem wenn man zum lustigen Umtrunk mit 500 meiner besten Freunde auf nicht meinem Privatgelände einlädt. Jedoch ist dies ein Fehler, der nicht nur von mir gemacht wird und falls irgendwann NSA-Zeiten anbrechen sollten, die Nachforschungen in privaten Profilen z.B. aus Schutz von dem Terror rechtfertigen, kann man sich sicher sein, dass man das Verbrechen, für das man bestraft wir schon begangen hat. Aber das ist ja Orwell-Gerede, das ist ja Stasi. Welches davon war gleich nochmal echt und ist nicht mal 30 Jahre her?

    Zurück zu Betty: Der Grund warum ich auf dieses Detail mit meinem tollen Werkzeug eingehe ist die Ursache, die genannte Kausalkette in Gang gesetzt hat, nämlich dass Betty´s Frau keinen Akkuschrauber besitzt und mich dies wiederum tatverdächtig macht.

    Sehr schade für und um Betty´s Frau, Werkzeug ist durchaus praktisch und bei Leibe nicht unfeminin. Ich benutze mein Multitool auch für Maniküre. Sehr schade um mich, dass ich zuerst nicht für voll genug genommen werde um als potentieller Initiator (ich gendere hier bewusst nicht) verdächtig zu sein und nur durch eine angebliche Abweichung von der Norm genügend Aufmerksamkeit auf mich ziehe.
    Schade um Officer Betty, und die Denksysteme hinsichtlich obsoleter Geschlechterrollen, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind, für die jener Beamte eine barbusige Galionsfigur darstellt.

    Nicht schade um die Getränke, die haben wir wieder bekommen.

    *Anm.: Diese Geschichte ist selbstverständlich fiktiv und erlogen und kann demnach nicht gegen mich verwendet werden. Alle parallelen zu realen Personen und Ereignissen sind zufällig oder inspirativ.